Ulrich Biene
· 29.03.2026
Der „Gläserne Käfer“, jenes ErklärModell im Maßstab 1:40, thront bei Wiking als geschichtlicher Leuchtturm über einem eigenständigen Sammelthema. Immerhin stand das volltransparente Modell zu Beginn der Fünfziger als Werbemodell lange Zeit in Diensten von VW. Die Wolfsburger bestellten den „Gläsernen Käfer“ tausendfach. Wenig später folgte der VW T1, diesmal mit transparentem Dachteil und reichlich Fahrgästen samt Koffern an Bord. Sieben Jahrzehnte haben Wiking-Freunde Durchblick. Jüngste Errungenschaft: das Mercedes-Wohnmobil mit Hochdach aus den Dezember-News.
Für die Enthusiasten der Traditionsmarke wird damit die ganze modellbauerische Architektur in all ihren konstruktiven Feinheiten sichtbar (siehe Seite 76). Ganz wusst wurde das Interieur von Sit bezen und Wohnmobilausstattung farblich abgesetzt, sodass der Blick durch die Karosserie aufs Innenleben frei liegt. Was bei den normalen Abspritzungen nicht erkennbar ist, wird beim Transparent-Modell sehr schön sichtbar. Denn das Hochdach erfährt lediglich durch entsprechende Halte- und Klebepunkte seinen Aufsatz auf die male Transporterkarosserie. Damit reiht sich das neue Wohnmobil jetzt in die Linie von über einem Dutzend offizieller Wiking-Modelle ein – seit dem Gläsernen VW Käfer.
Seit 2012 debütierten die transparenten Modelle als Jahresedition in der Lüdenscheider Modellwelt von Wiking, jetzt gibt es eine Fortsetzung innerhalb der Modellpflege. Transparente Wiking-Modelle stehen heute für den Purismus der Marke. Keine anderen Miniaturen erscheinen so ehrlich. Aber das gelingt auch mit dezenter Kolorierung, wie bei der Jubiläums-Edition des Postmuseums-Shops 2017: In durchschimmerndem Blau fuhren damals der Mercedes Sprengwaerbugen, der Berliner Doppeldeck D2U und der Unimog 411 mit falia-Kabine vor. Und Wiking setzte mit dem grüntransparenten TankWestsattelzug des Mercedes-Benz Langhaubers samt einachsigem Eylert-Auflieger noch eins drauf: Der augenblickliche Brückenschlag zum Thyssen-Tanker funktionierte. Tatsächlich sollte Wiking mit verglasten Automodellteilen eine Vorreiterrolle einnehmen, nachdem 1948 das Anfangssortiment der Verkehrsmodelle an den Handel ausgeliefert worden war. Als Ergebnis der Entwicklungsgedanken bot Fritz Peltzer dem Wolfsburger Automobilbauer VW dann den „Gläsernen Käfer“ an und ließ sich die kreative Bauweise gleich mit einem Geschmacksmuster schützen. Der 1:40-Bulli in der Hand des potenziellen Kunden besaß weit mehr argumentative Überzeugungskraft als ein Prospekt, schließlich erklärte die Miniatur das umfassende Raumangebot und ließ keine Frage offen. Fritz Peltzer wäre nicht der findige Tüftler gewesen, wenn er nicht sogleich seine Idee der transparenten Modellautogestaltung auf das Handelssortiment übertragen hätte. Der Büssing Trambus sollte zum Glücksfall werden. Nachdem der Stromlinienbus als Vorgängermodell im Maßstab 1:100 unverglast und bereits mit durchbrochenen Fenstern erhältlich war, musste ein Nachfolger her – jetzt im angenäherten Modellbahnmaßstab 1:90. Modellbaumeister Alfred Kedzierski gestaltete die Karosserie des Braunschweiger Vorbilds mit filigranen, vorbildgerechten Gravuren, spendierte dem Bus eine feine eingesetzte Inneneinrichtung und ein separates Fahrgestell mit Unterflurmotor. Der Trambus wurde zum Leuchtturm, weil die hellrot gespritzte Karosserie und die gelbe Sitzeinrichtung den Betrachter durch das transparent ausgestaltete Dachteil geradezu anstrahlte. „Ein besonders eingehend gestaltetes Modell mit transparentem Dach, Sitzen und Unterflurmotor“, schrieb Friedrich Peltzer in der 1952er-Bildpreisliste. Sechs Jahre später wurde bei Wiking die vorbildgetreue Transparenz der Autoverglasung Serie.
In den Sechzigern folgte mit der Parkhalle eine weitere Besonderheit, die sich der durchsichtigen Werkstoffeigenschaft des Kunststoffs bediente. Die Modellbauer miniaturisierten die Parkhalle Ahlmowell A 101, die dank ihrer geschwungenen transparenten Dachausführung attraktiv wirkte. Mit Polyesterharz und Glasfaser generierte Vorbildhersteller Ahlmann & Co. in Andernach die gewellte Abdeckung, die 80 Prozent Licht durchließ. In den Achtzigern gewannen zunehmend vollständig durchsichtige Modellbauteile mehrtes Sammlerinteresse – sogar verganze Modelle tauchten auf Börsen plötzlich auf.
Wie kam es dazu? Allein dem Produktionsverfahren des Kunststoffspritzgusses war es seinerzeit geschuldet, dass die Formen beim Farbwechsel durch transparentes Granulat quasi gereinigt wurden. Dabei fielen in den Modellbauwerkstätten immer wieder Bauteile an, die auf inoffiziellem Weg nach draußen kamen. Pfiffigen Sammlern gelang es – in kleiner Anzahl – volltransparente Modelle zusammenzustecken.
Wer sich das volltransparente Landhaus anschaut, weiß, was gemeint ist. Das schlichte Fertighaus, ebenso wie der „Gläserne Käfer“ aus den Anfangsjahren der Wiking-Verkehrsmodelle, schafft architektonischen Durchblick. Während der Mercedes-Benz C 111 noch einen überschaubaren Effekt erzielt, wird es beim Mercedes-Benz 300 SL Roadster als Auftragsarbeit für Mercedes-Benz Classic schon deutlich facettenreicher. Die Transparenz weist eine erhebliche Steigerung der Bauteilkomplexität sichtbar nach. Leuchtkraft besitzt allein das feuerrote Interieur. So erfreut sich die Reihe der gläsernen Wiking-Modelle illustrer Typen. Der MercedesBenz LP 321 als Koffer-Lkw gehört ebenso dazu wie der Borgward Milchwagen, der VW T1 (Typ 2) oder der VW Käfer als Brandmeister-Pkw – Fahrgestell und Felgen sind rot. Auch der Mercedes-Benz 600 besitzt optische Wucht. Der Wunsch der WikingFreunde nach einer Fortsetzung der Modellreihe wird ganz sicher nicht unerhört bleiben.