Ponton-Cabrio 2.0Der Mercedes 220 (W 180) bei Wiking in 1:87

Ulrich Biene

 · 11.08.2021

Zwei offene Drahtachser aus der Frühzeit der Modellmarke
Foto: Ulrich Biene
Aus 63 Jahre junger Form erstrahlt das Ponton-Cabriolet des Mercedes-Benz 220 in Nagellackrot verführerischer denn je. Das hat seine Gründe.

Unlängst fuhr der Wiking-Autotransporter in Werkslackierung und mit firmeneigenem Langhauber sich selbst und drei bildschöne Ponton-Daimler ins Rampenlicht. Jetzt folgt in den August-News das 220er-Cabrio mit nagellackroter und ebenso glänzender Karosserie. Die Revitalisierung altgedienter Stahlquader aus dem füllhornartigen Formenarchiv lässt den historischen Mercedes- Benz in der Freiluftausführung heute in einem neuen Licht erscheinen, ohne ihm die Aura der Peltzer-Ära zu nehmen. Als ob diese Modelle bereits anno 1958 für eine ferne Zukunft gemacht worden wären, die heute, 2021, mit Farbe und Filigranitätsdrucken einen neuen Detailanspruch formuliert. Alles wirkt trotzdem wie aus einem Guss. Im Jahr 1958 genügte eben wenig, um Begeisterung beim Sammler zu wecken. Und dieses Wenig war schon viel. Als „14c“ ist das Mercedes-Benz 220 Cabrio gleich zu Beginn der verglasten Ära ins Programm gekommen. Legenden wie der Ackermann-Möbelhängerzug, der Büssing LU7 oder die leicht verunglückte Borgward Isabella, die den Wiking-Chef einst im Werkzeugbau zur Weißglut gebracht hatte, gehörten damals zu den Jahresneuheiten, die unvergessen bleiben sollten.

Die Neuen mit Fenstern debütierten auf der Titelseite der Bildpreisliste und fanden sich alsbald in den Spielzeugläden der ganzen Bundesrepublik. Für den 220er waren 60 Pfennig vom Taschengeld fällig, genauso viel wie für das Vorgänger-Cabrio des Mercedes-Benz 190 SL, aber nicht zu viel für einen Traumauto. Am Beginn des Wirtschaftswunders rangierten Cabriolets in der Gunst der Deutschen ganz weit oben. Wiking baute zusätzlich die offenen Versionen des Jaguars und Käfers, dazu eben auch die beiden Wohlstands-Daimler 190 SL und 300 SL. 1959 veranlasste Fritz Peltzer genau das, was er schon beim Vorzeige-SL sinnvollerweise initiiert hatte: Auch das 220er Cabrio erhielt ein Dach und wurde im Programm zur „14p“, dem Coupé. Gemeinsam mit der Limousine gab sich an der Wende zu den sechziger Jahren das Ponton-Trio die Ehre – das sollte schon etwas heißen! Als das Mercedes-Benz Cabrio 220 als 1958er-Neuheit vorgestellt wurde, hatte Wiking-Modellbaumeister Alfred Kedzierski gerade ein prall gefülltes Nachkriegsjahrzehnt hinter sich gelassen. Der kreative Geist, der seit den dreißiger Jahren die Wasserlinien-Modelle in 1:1250 geschnitzt und sogar Flugzeuge in 1:200 miniaturisiert hatte, entwickelte seine Schaffenskraft mit der neuen Zeitrechnung nach dem Krieg weiter und war damit ein Erfolgsfaktor für den Wiking-Karriere.

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Das Gesamtwerk trägt wegen seiner genialen Formenkonstruktionen noch bis in 21. Jahrhundert seine Handschrift. Wenn der Chef rief, dann war es Kedzierski, der aus den Wünschen Fritz Peltzers Miniaturen entstehen ließ. Als kongenial sollte sich diese Kombination zweier Menschen, ja, Typen herausstellen. Beide konnte Miniaturen fühlen, für sie war Modellbau auch Herzensangelegenheit. Wer das rote Ponton-Cabrio betrachtet, erkennt die Harmonie der Proportionen und nimmt auf Anhieb die wohlgeformten Karosserierundungen des 220ers wahr. Der Modellbaumeister hatte das richtige Auge dafür, wie sein Chef die Wiking-Philosophie verstanden wissen wollte. Das Wiking-Modell sollte auf dem Küchentisch genauso seine Strahlkraft entfalten wie der Pkw beim Blick aus der ersten Etage vom Bürofenster Peltzers auf den Hof. Und gerade deshalb wirkt das Ponton- Cabriolet respektable 63 Jahre nach der Formengeburt so authentisch wie ehedem. Eine leicht stilisierte Inneneinrichtung musste genügen, um Open-Air-Feeling erlebbar zu machen. Dazu das eingesteckte feine, cremeweiße Lenkrad, aber auch die filigranen Gravuren der Blinker, die quasi auf den Kotflügeln aus dem Chrom herausflossen, zeigten, dass es Alfred Kedzierski um das Wesentliche ging. Das geniale Weglassen war ein wichtiger Teil seiner Virtuosität. Und selbst heute, wenn Wiking die Revitalisierung seiner Formen mit einem Super-Finishing aufwertet, wirkt der Kühler stilecht. Seine neuzeitliche Aufwertung mit Chromglanz überzeugt im gestalterischen Geschick mit säuberlich kolorierten Felgen – Mercedes-Benz-Stern auf den Kappen inklusive. Früher war das alles anders. Auch bei Wiking!

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Die seinerzeit tiefgezogenen Stahlformen, die mit massivem Tonnendruck entstanden, ehe sie gehärtet wurden, ließen Wiking-Karosserien herauspurzeln, denen damals allenfalls einen Pinselstrich für die Rückleuchten zum Aufbrezeln gewidmet wurde. Die Heimarbeiterinnen legten mit Sorgfalt Hand an. Die Gravuren von Türgriffen oder gar Zierleisten waren deshalb so herausgearbeitet, dass sie nicht nur sichtbar, sondern vor allem auch fühlbar waren. Dank der modellbauerischen Kunst, die Alfred Kedzierski Jahr für Jahr dem nun verglasten Sortiment widmete, entstand genau jener Wiking-Style, der die früheren Berliner und heutigen Lüdenscheider Miniaturen so charaktervoll prägt. Hier ist weniger eben mehr. Dass Wiking mit diesem Traditionsbewusstsein heute noch gut fährt, beweisen auch die Modellerfolge des Büssing 12.000. Das hölzerne Ur-Muster der fünfziger Jahre erfuhr erst sechs Jahrzehnte später seine Umsetzung und wurde genau deshalb zum Bestseller. Sein Charme liegt in der künstlerischen Handschrift von Meister Kedzierski. Man braucht Wiking nur in seinen automobilen Meilensteinen wie dem Mercedes-Benz 220 Cabrio zu erleben, um das zu verstehen. Das Unverwechselbare lässt sich sehen und fühlen – die Modellliebe kommt dann ganz von allein.

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