Diese 170 Gramm sind ein Handschmeichler. Etwas mehr als 14 Zentimeter misst der meist silbern und geheimnisvoll schimmernde Schuco Studio Racer, der im Bereich der Modellautos eine Ikone ist, die unerreicht auf dem Olymp thront. Warum 14 Zentimeter? Er sollte in die Hosentasche jedes Dreikäsehochs passen! Der bauchige Körper, dem Silberpfeil Mercedes W 25 in freier Interpretation nachempfunden, liegt unnachahmlich in der Hand. Das Original griff 1935 erstmals in die Europameisterschaft für Rennwagen ein und sicherte Rudolf Caracciola für Mercedes gleich in der Debüt-Saison überlegen diesen begehrten Titel.
Die Verkleinerung von Schuco, Artikelnummer 1050, ausgetüftelt von Firmengründer Heinrich Müller, ging 1936, vor 90 Jahren, an den Start. Und Schuco baute das Prachtstück bis 2022 nach. Das Modell hat viele Firmenunfälle überlebt. Es geht das Gerücht, dass einige der Bauteile bis zuletzt immer noch aus den ersten ganz frühen Formen gefertigt worden sein sollen. Es waren mindestens 101 Teile an Bord, bei der Version mit beweglicher Motorhaube sogar noch ein paar mehr. Ein Mythos umhüllt diesen Einsitzer, wie manchmal der Nebel die Kurvenkombinationen am Nürburgring. Die brachte Manfred von Brauchitsch beim ersten Start des Originals als Schnellster hinter sich und siegte am 3. Juni 1935 überlegen beim Eifelrennen.
„Der Studio Racer ist so ikonisch wie sein Vorbild, der erste Mercedes-Silberpfeil W 25!“ Andreas A. Berse, Chefredakteur
Jetzt legt das Wunderwerk Schuco Studio Racer eine ganz andere Strecke bis ins Ziel zurück. Im Industriemuseum der Stadt Lauf (www.industriemuseum-lauf.de) trifft der Dauerrenner auf 4000 Quadratmeter Historie von der Dampfmaschine bis zum Eisenhammerwerk in denkmalgeschützten Gebäuden, idyllisch an der Pegnitz gelegen. Der coole Einsitzer aus Franken fühlt sich gleich in seinem Element und erkundet die Ventilfabrik, einen Teil des Museums. Denn er hat es ja faustdick unter dem lithografierten Blech. Mit einem Schraubenschlüssel lassen sich die Räder wechseln – wie in der Silberpfeil-Box. Die Vorderräder suchen mit einer Zahnstangenlenkung die Ideallinie, dirigiert vom robusten Vierspeichenlenkrad vor dem roten Sitz, um die Kurven auf der Strecke zu schneiden. Für die Kraftübertragung sorgt ein Differenzial, das beim Ritt durch die grüne Hölle stets gut geölt sein will. Auch diese Erfindung von Heinrich Müller war wieder ein Spiel- und Lehrauto, für beide Seiten des „Homo ludens“. Es machte Spaß und brachte einem sogar die Autotechnik näher.
Und dann dieser Schlüssel, der eine Kurbel ist. Denn: Auch der Silberpfeil wurde angekurbelt! Ein gut gepflegtes Uhrwerk vorausgesetzt, rennt ein Studio Racer mit mehr als einem halben Jahrhundert auf dem Tacho mit dem größten Kreisradius der Lenkung drei Minuten über einen Linoleumboden, ehe er sanft ausrollt. Die Präzision der Uhrwerke orientierte sich in den Dreißigern an der Genauigkeit von Instrumenten, die in Flugzeugen verbaut waren. Die eigenen Schuco-Tester waren eher gnadenlos. Studio Racer wurden mehrere Meter durch die Luft geworfen. Dann schauten die Experten nach, ob der Einsitzer immer noch funktionierte. Denn: Ein Spielzeug von Schuco musste robust sein. Ein Rennwagen, der einen Großen Preis gewinnen will, erst recht.
Was heute überrascht: Der Studio Racer war auch ein Spielzeug im Topseller-Format. Schuco konnte während seiner langen Geschichte teilweise bis zu 8000 Stück an einem Tag bauen. Die Peaks bei den Stückzahlen waren die Zeit nach dem Debüt 1936 und nach dem Zweiten Weltkrieg. Der Silberpfeil eroberte die ganze Welt, war auch in exotischsten Ländern Gast im Ladenregal. Was für ein kleiner Botschafter der Silberpfeil-Triumphe mit großer Wirkung!
„Von 1936 bis 2022 gebaut – da ist der Studio Racer von Schuco einfach einmalig!“ Peter Brunner, Schuco-Experte
Im Industriemuseum drehen die historischen Studio Racer, die schon viele Kilometer auf dem Buckel haben, erst richtig auf. Es riecht nach Öl, Benzin und Schweiß in der ehemaligen Ventilfabrik, durch die das Kameraauge sich seinen Weg bahnt. Es sind viele Arbeitswelten aus verschiedenen Epochen, die hier die Fantasie anregen. Überraschende Details kämpfen ebenso um Aufmerksamkeit wie Maschinen-Kolosse, die sich stolz filigrane Verzierungen gönnen.
Hand anlegen darf auch der Studio-Besitzer. Vor dem Krieg lag der Uhrwerkaufzug links, danach auf der rechten Seite. Als Zubehör gab es Wagenheber und Co und später sogar Figuren für die Boxengasse. Ein Klicken hallt durch den Raum, ein Federwerk spannt sich. Ein silberner, patinierter Einsitzer schaltet hoch und sucht sich etwas anarchistisch seinen Kurs durch die Industrieepochen. Er scheint uns zuzurufen: „Ich bin dann mal weg!“
Am 26. und 27. September 2026 von elf bis 17 Uhr ist im Industriemuseum Lauf die Sondershow „Nürnberger Blechbahnen in Bewegung“ zu sehen. Sammler und Aussteller präsentieren ihre historischen Schätze, und zwar in Bewegung und zusammen mit epochegerechten Bahnhöfen und weiterem Zubehör. Eine wunderbare Zeitreise für die ganze Familie.