Luftgekühlte Comic-Helden und Raritäten – VW im Comic

Fabian Houchangnia

 · 06.02.2024

Luftgekühlte Comic-Helden und Raritäten – VW im ComicFoto: Fabian Houchangnia, Comic: © Salleck Publications
Das große kreative Sprechblasen kannte auch VW. Szenarist Fabian Houchangnia hat Modelle und Comic Strips zusammengebracht.
Auch durch so manchen Comic rollten die Fahrzeuge von Volkswagen und wurden wiederum Vorbilder für Miniaturen
Foto: Fabian Houchangnia, Comic: © Salleck Publications

Ernsthafte Modellautosammler verlangen heute nach beinahe gnadenloser Perfektion. Eine exakte Linienführung wird genauso als selbstverständlich vorausgesetzt wie korrekt umgesetzte Details, trennscharfe Bedruckungen und eine makellose Lackierung. Aber noch bis vor wenigen Jahrzehnten sah das ganz anders aus. Insbesondere bei den Modellen, die bis in die Achtziger entstanden, waren Fantasie und freigeistige Vorstellungskraft ihrer Erbauer die wichtigsten Zutaten. Schließlich waren scharfe und farbige Vorbildfotos, die alle Ansichten eines Fahrzeugs zeigten, rar. Und selbst Autokataloge boten bis in die sechziger Jahre zwar vorzüglich gezeichnete Autos, diese waren jedoch oft stilisiert, um das abgebildete Auto eleganter oder sportlicher erscheinen zu lassen. CAD-Daten? Fehlanzeige!

Es gab jedoch neben den zumeist vorzüglichen Illustratoren der Autokataloge durchaus Künstler, die es verstanden, Fahrzeuge aller Art extrem realistisch zu zeichnen. Unter ihnen stach Georges Remi, besser bekannt unter seinem Künstlernamen Hergé, besonders hervor. Der wohl bekannteste Vertreter des franko-belgischen Comics und Begründer der „ligne claire“ (steht für: „klare Linie“) schuf mit „Tim und Struppi“ die vielleicht berühmtesten europäischen Comicfiguren. Egal ob Autos, Schiffe oder Flugzeuge – Hergé zeichnete und kolorierte diese mit einem unglaublichen Hang zum Realismus. Dabei vertraute er nicht nur auf sein riesiges Bildarchiv, sondern natürlich auch auf die Unterstützung treuer Mitarbeiter. Im Jahre 2003 wurde Hergés Passion für Autos von den Éditions Atlas gewürdigt, die eine siebzig Modelle umfassende Kollektion in 1:43 von Fahrzeugen aus „Tim-und-Struppi“Alben herausgaben. Der dort erschienene Barndoor-Bulli der Metzgerei Schnitzel (im Original als witziges Wortspiel: Boucherie Sanzot, gesprochen wie „sans os“, also „ohne Knochen“) feierte 2019 bei Hachette ein Comeback in 1:24.

Meistgelesene Artikel

1

2

3

Bis auf wenige Ausnahmen wie in den Rennfahrergeschichten um Michel Vaillant waren Autos allerdings zumeist eher Staffage. Eine rühmliche Ausnahme bildet hier das Album „Große und kleine Käfer“, des französischen Zeichners und Szenaristen Olivier Marin, erschienen als fünfter Band der Reihe „Margots Reportagen“ bei Salleck Publications. Die junge französische Journalistin Margot Foilleret, die für die Pariser „Auto Review“ arbeitet, entdeckt im Jahr 1962 auf dem Dachboden ihres Vaters ein Tretauto in Form eines Käfers, das wohl kurz nach dem Krieg im Wolfsburger VWWerk produziert wurde. Kurzerhand entscheidet sie sich, eine Reportage über die Firma Volkswagen für ihr Magazin zu schreiben und nebenbei Recherchen über das mysteriöse Modellauto anzustellen. Was folgt, ist ein spannender Krimi, der sich größtenteils im Werk sowie in Wolfsburg und Umgebung abspielt. Auf ihrer Werkbesichtigung und später auch in der Porsche-Straße begegnet Margot sogar VW-Chef Heinrich Nordhoff. All diese Szenerien sind derart realistisch gestaltet, dass man vermuten könnte, Olivier Marin sei mit einer Zeitmaschine in das Wolfsburg der Sechziger gereist. Dabei folgt das großformatige Album in seiner Umsetzung konsequent der „ligne claire“: eher konservative Bildkompositionen, schmale Umrisslinien und Zurückhaltung bei Schattierungen oder Schraffuren ganz im Stil des großen Sprechblasen-Virtuosen Hergé. Und ohne zu viel zu verraten, sei doch erwähnt, dass Major Ivan Hirst eine zentrale Rolle bei der Herstellung des mysteriösen Tretautos spielte. Hier treffen Fiktion und Realität aufeinander. Denn Hirst, der zwischen August 1945 und 1949 das Werk leitete, war in der Tat verantwortlich für die Herstellung der ersten offiziellen Volkswagen-Werbemodelle nach dem Krieg. Diese hochglanzpolierten Präsentationsmodelle im Maßstab 1:34 wurden hochrangigen Persönlichkeiten und wichtigen Zulieferern überreicht und waren auf dunkle Holz- oder Aluminiumsockel montiert. Die meisten Modelle waren einteilig und massiv.

Wie gefällt Ihnen dieser Artikel?

Als das von den Briten geleitete Volkswagenwerk am 8. Oktober 1949 in deutsche Hände unter Leitung von Heinrich Nordhoff übergeben wurde, erhielten sowohl Hirst als auch sein Vorgesetzter, Colonel Radclyffe, zum Dank ein Großmodell in 1:10, das von der Firma Peter Koch in Köln produziert wurde. Daneben entstanden im Werk Wolfsburg weitere beeindruckende Großmodelle, etwa das riesige Windkanalmodell des VW W30, hier präsentiert von Herbert Kaes, dem Neffen von Ferdinand Porsche. Mit immerhin 49 Zentimetern Länge kaum kleiner ist der legendäre Käfer-Prototyp VW V3 in 1:8, den der Versuchsbau im Wolfsburger Stammwerk fertigte und der sich hier auf dem Wolfsburger Werkgelände von seiner besten Seite zeigt. Der schwarze VW W30 in 1:15 hingegen stammt aus dem Volkswagen Design. Fehlt eigentlich nur der fetzige, weil korallrote Käfer, mit dem Margot in dieser Geschichte unterwegs ist. Der wurde in den frühen Sechzigern als offizielles Werbemodell von der VWoA (Volkswagen of America) verschenkt. Hersteller der raren Kunststoffminiatur in 1:23 war die Firma Product Miniatures Corporation (PMC) aus Peewaukee, Wisconsin.

Wer spannend geschriebene, clever inszenierte und kreativ gezeichnete Comics liebt und an der Geschichte von Volkswagen interessiert ist, kann in diesem HardcoverAlbum wunderschöne Bilder alter Volkswagen, des VW-Werks und seiner Produktionsabläufe entdecken. Ein herrlicher Spaziergang für die Augen und ein Geheimtipp für alle Modellauto-Freunde.

Meistgelesen in der Rubrik Modellfahrzeug