Das Zuhause der Wiking-Autos in 1:87 – Neue Heimat

Ulrich Biene

 · 30.05.2026

Das clever gestylte Landhaus von Wiking konnte mit Möbeln aufgehübscht werden und war auch Speditionsgeschäftsstelle
Foto: Ulrich Biene
Mit dem „Landhaus Typ Fertighaus“ gaben die Wiking-Freunde ihren Automodellen schon früh eine Heimat. Heute ist es ein Bauhaus-Klassiker.

Es ist ein schlichter Bungalow und trotzdem eine wirkliche Ikone. Als das Fertigmodell 1949 debütierte, wusste weder bei Wiking noch sonst wo irgendjemand, wohin die modellbauerische Reise gehen würde. Das Haus sollte vornehmlich auf den Straßenplänen der Verkehrserziehung dienen und war vier Jahre nach Kriegsende seiner Zeit voraus. 77 Jahre später macht Wiking daraus ein Schwedenhaus. Bullerbü ist eben überall!

Bereits 2013 hatte sich Wiking ein erstes Mal der Revitalisierung angenommen. Die Themen-Edition „Der Traum vom schmucken Landhaus“ erschien als Reminiszenz an die Wiking-Anfangsjahre. Das filigran aufgewertete „Landhaus Peltzer“ erinnerte vor 13 Jahren an den kreativen Gründer Fritz Peltzer, der in den Sechzigern über die Sommermonate in Malente seinen Sehnsuchtsort gefunden hatte. So inszenierten die Modellbauer die erste Themen-Edition durch eine typische Fertighausszenerie mit VW T1 und dem Demag Mobilkran V70. Dazu gehörte auch das Werbeschild. „Fertighaus Typ Malente, Bauherr: Familie Schulz, Architekt: F. K. Peltzer, Bauleitung: A. Kedzierski, Unter den Eichen 101, 1 Berlin-Lichterfelde“ ist da zu lesen.

2018 dann eine zweite Auffrischung des Landeshauses – diesmal in den begehrten ASG-Farben als Speditionskontor. Die Kombination aus Saphirblau und Melonengelb harmonierte mit der wachsenden Reihe von ASG-Fahrzeugen. Zur Auslieferung kam das Speditionsbüro ebenso wie eine Tankstelle und der Volvo PV544, der einen Anhänger mit Dachgepäckträger zieht. Außerdem gesellte sich der Gabelstapler hinzu.

Wer die Innovationsbereitschaft gleich nach der Währungsreform 1948 ermessen will, dem sei beim Rückblick in die lange Chronologie die Geschichte des einzigen Hausmodells ans Herz gelegt. Wenn der Straßenplan gedruckt war, durfte die wirklichkeitsnahe Bestückung der Verkehrsszenerie nicht fehlen. Friedrich Peltzer wusste, was er seinem damals neuen Verkehrssortiment – noch im Maßstab 1:100 gehalten – schuldig war. Schon in der Preisliste vom Herbst 1949 fand sich unter dem Artikelkürzel „TH“ (T=Traffic-Serie/H=House) der Hinweis auf die Neuheit. Endlich war für den Papierplan das passende Haus erhältlich. Entsprechende Freiflächen waren längst eingezeichnet, sodass schon in der ein Jahr später veröffentlichten Preisliste eine wunderschöne City-Szenerie zu sehen ist – das Landhaus aus Kunststoff inklusive. Garagen und Tankstellen sollten folgen.

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Die Haus-Idee eignete sich tatsächlich perfekt für den Modellbau: Wiking-Modellbaumeister Alfred Kedzierski konstruierte einen erhaben modellierten Sockel, der die Fixierung von vier Außen- und vier Innenwänden in eingelassene Nuten möglich machte. Aufgesetzt wurde ein passgenau gestaltetes Bungalowdach, das die Stabilität gewährleistet. Fenster und Türen erschienen vor fast acht Jahrzehnten bereits durchbrochen, eine Verglasung gab es nicht. Innerhalb des Wiking-Sortiments war dieses ungewöhnlich große Produkt ein Eyecatcher. Es wurde zwei Jahre später aufgewertet und unter der neuen Artikelnummer „T 113“ als „Haus mit Inneneinrichtung“ angeboten. Wunderschön filigran erschien das Mobiliar – die feinsinnige Handschrift von Wiking-Stylist Alfred Kedzierski ist noch heute unübersehbar.

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Das Wohnzimmer wirkte heimelig, gab mit Ecksofa, zwei Sesseln und dem runden Tisch einen Vorgeschmack auf die abendliche Gemütlichkeit. Das Kissen, gerade drei mal vier Millimeter groß, machte Alfred Kedzierski zum i-Tüpfelchen des Hausinterieurs. An allen vier Spitzen fein eingeschlagen, ließen sich die Kissen auf dem Sofa drapieren. An jedem Spritzling fanden sich später zwei dieser Kissen, die zur Rarität wurden, weil sie sich, kaum größer als ein Reiskorn, allzu schnell verflüchtigten. Das Bücherbord in der Schrankwand fiel schon deshalb auf, weil es späterhin gern mit Farbe akzentuiert wurde. Gleiches galt fürs Schlafzimmer, dessen Doppelbett mit einer sorgfältig gewellten Tagesdecke geschmückt war. Im Eingang die typische Spiegelkommode, im Bad zählten Badewanne, Toilette und Waschbecken zum luxuriösen Sanitär-Dreiklang. Und tatsächlich: Urplötzlich hatte der Blick unter das zur Seite geschobe-ne Dach etwas von einer Puppen-stube in H0.

Wie revolutionär das Landhaus zu Beginn der Fünfziger war, macht in der Rückschau der Vergleich mit den maßstabsgleichen Häusern von Faller, Vau-Pe & Co. klar. Dort arbeiteten die Macher noch mit Werkstoffen wie Holz, Pappe und Grießputz – nur wenige Zubehörteile waren aus Kunststoff. Die Berliner Modellbauer waren der Zeit Jahre voraus, weil sie bereits ein Jahrzehnte Erfahrung im Kunststoffspritzguss hatten. Die passenden Autos lebten längst in ihrer eigenen Welt – mit ebenmäßigen Wänden, die dank Kunststoff voller Leuchtkraft waren. Wiking sprach 1957 nur noch vom Landhaus, das dann in Einzelteilen zur Auslieferung kam. Unter der Artikelnummer „T 113“ waren die besagten Möbel in einer kleinen Tüte erhältlich. 1960 erhielt das „Landhaus Typ Fertighaus“ der ersten Stunde zum letzten Mal eine Programmpräsenz. Nur gut, dass es heute die Themen-Editionen aus re-vitalisierten Formen gibt. Nun auch als Schwedenhaus!

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