Die Reise durch die Wiking-Chronologie beginnt in einer Zeit, in der Kunststoff noch ein junger Werkstoff war. Gründer Fritz Peltzer wusste um diesen Trumpf als Alleinstellungsmerkmal. Zwischen 1953 und 1960 rollte bei Wiking ein erster Mercedes-Benz-Bus „vom Band“, der bei Sammlern Kultstatus genießt: der unverglaste Mercedes-Benz O 6600 H Überlandbus. Es war die Epoche des Wiking-Chefs, in der die Modelle zwar formvollendet, aber auch sehr puristisch wirkten. Sicken fielen konturierter aus, erhabenen Zierleisten gab Modellbaumeister Alfred Kedzierski mehr Volumen – die Busse zeigen es.
Der frühe O 6600 H besaß keine Scheiben. Die Fensterflächen waren stattdessen aufwendig gesil- bert, um Glas zu simulieren. Fein geformte, ausgestanzte Blechhauben wurden über die frisch gespritzte Buskarosserie gelegt und mit Silberbronze lackiert. In einer bunten Vielfalt brachte dieser Bus Farbe auf die Eisenbahnanlage. Der erste Mercedes-Bus verkörperte den Drang nach Modernität und den beginnenden Reiseboom der fünfziger Jahre. Der O 6600 H war integraler Bestandteil der „Heras“-Autostraße, der es 1961 gelungen war, ausgewählte Wiking-Modelle mit einem kleinen, sehr kraftvollen Motor zu elektrifizieren. Das System setzte sich leider nicht durch.
Mit Beginn der Sechziger legte Wiking den O 6600 H neu auf – und läutete 1961 ein neues Zeitalter ein. Er wurde nach dem Büssing Trambus zum zweiten verglasten Bus im Wiking-Sortiment. Plötzlich konnte man durch die winzigen Scheiben ins Innere blicken, was dem Spielzeug den Charakter eines ernsthaften Modells verlieh. Außer im ÖPNV-Beige eroberte dieser Bus vor allem als Postfahrzeug die Miniaturwelt: im typischen Gelb der Deutschen Bundespost und der Schweizer PTT. Als Pullman-Bus gesellte sich sein schmuckes Pendant in klein hinzu: Der Mercedes-Benz O 319 D Panoramabus war im Wiking-Programm der Jahre 1959 bis 1968 weit mehr als nur eine Miniatur. Mit seiner charakteristischen Dachrandverglasung fing das Modell das Lebensgefühl einer Ära ein. Damals gehörte es zum guten Ton, dass Unternehmen regelmäßige Ausflüge für ihre Mitarbeiter organisierten – und hierfür war der O 319 D das ideale Gefährt.
Mit dem Modellwechsel zum Mercedes-Benz O 302, der von 1967 bis 1976 das Programm bereicherte, vollzog sich im Kleinen der Wandel hin zur sachlichen Moderne. Der O 302 war ein Alleskönner. Als Überlandbus konzipiert, zeigte er bei Wiking seine Wandlungsfähigkeit. Er stand nicht nur an den Haltestellen, sondern rückte auch sonst in den Dienst der Allgemeinheit. Die Berliner Formenbau-er realisierten später Varianten für die Feuerwehr, das Militär, als Bahnbus für den Schienenersatzverkehr und für die Post. Die jüngste Errungenschaft zeigt den O 302 in Anlehnung an die Gestaltung zur Fußball-Weltmeisterschaft 1974 in Deutschland.
Doch der wahre König des Nahverkehrs sollte erst noch folgen. Im Jahr 1976 präsentierte Wiking den Mercedes-Benz O 305 Stadtbus, ein Modell, das bis 1993 im Sortiment bleiben und zu einem der langlebigsten Klassiker der Firmengeschichte avancieren sollte. Der O 305 war der Inbegriff des deutschen Standard-Linienbusses der siebziger und achtziger Jahre. Unzählige Varianten mit bunten Reklamen auf den Seitenwänden spiegelten die urbane Realität wider.
Um der Trendentwicklung im Modell gerecht zu werden, folgte 1982 ein Meilenstein der Miniatur-Konstruktion: der O 305 G Gelenkbus. Wachsendes Passagieraufkommen hatte die „Schlenkis“ längst in West und Ost populär gemacht. Bis ins Jahr 2001 blieb diese imposante „Verlängerung“ des Stadtbus-Erfolgs im Programm. Es war der erste und bis heute einzige Gelenkbus von Wiking mit funktionierender Gelenkmechanik.
Als die Achtziger fortschritten, verlangte das Vorbild nach einem Nachfolger. Wiking reagierte prompt und stellte 1987 den Mercedes-Benz O 405 Stadtbus vor. Seine Optik wurde noch eckiger, die Linienführung strenger. Von 1984 bis 1995 stand der Mercedes-Benz O 303-15 RHD als Hochdecker im Rampenlicht. Er fing den Zeit geist der achtziger Jahre perfekt ein, als Busreisen an die Riviera oder in die Alpen boomten.
In den Neunzigern wurde das Design aerodynamischer – eine Ära, die Wiking mit der O-404-Familie modellbauerisch begleitete. Zwischen 1992 und 2004 definierte der Mercedes O 404-15 RHD das Standardmaß der Reisebusse in 1:87. Dieses Modell nutzte Wiking für die Mannschaftsbusse der Erstliga-Fußballclubs Bayern München, Borussia Dortmund und FC Schalke 04. Aber auch HSV und Hansa Rostock fuhren direkt in die Herzen der fußballbegeisterten Modellbahner.
Ähnlich dynamisch ging es beim O 404-10 RH zu. Dieser etwas kürzere Reisebus überraschte die Sammlerwelt unter anderem in einer exzentrischen pinkfarbenen Lackierung, aber auch klassisch als österreichischer Postbus – beides Beweise dafür, dass Wiking nie vor mutigen Farbtupfern zurückschreckte. Ein absolutes Exotendasein fristete zu guter Letzt der von 1993 bis 2002 produzierte O 404 DD Reisebus. Der gewaltige Doppeldecker war damals im Original ein seltener Anblick auf den Straßen.
Wiking hat beim Thema Mercedes-Busse in seiner Ahnengalerie mehr getan, als nur die große Welt der kleinen Modelle zu bereichern. Es ist der Marke überzeugend gelungen, Mobilitätsgeschichte der Bundesrepublik zu konservieren. Die Mercedes-Busse sind deshalb Zeitmaschinen im Westentaschenformat – und von den Straßen im Maßstab 1:87 schlicht nicht wegzudenken.