Nur nicht anecken: Wiking-Rundgarage und Co

ModellfahrzeugNur nicht anecken: Wiking-Rundgarage und Co

Andreas A.Berse 

28.6.2021, Lesezeit: 4 Minuten

Das Comeback der Rarität Wiking-Rundgarage in 1:87 macht Baukunst bezahlbarer – runder Spielbetrieb im historischen Garagen-Sextett.

Nachahmerprodukt von Nordplastik als größerer Plastikkit
Nachahmerprodukt von Nordplastik als größerer Plastikkit
Foto: Ulrich Biene
Das Runde im Eckigen: In der typischen Altstadtkulisse setzt Wikings Rundgarage gekonnt architektonische Akzente
Das Runde im Eckigen: In der typischen Altstadtkulisse setzt Wikings Rundgarage gekonnt architektonische Akzente
Foto: Ulrich Biene
Rundgarage mit Hanoma
Rundgarage mit Hanoma
Foto: Ulrich Biene
eckige Standardgarage mit dem 1600 T
eckige Standardgarage mit dem 1600 T
Foto: Ulrich Biene
Bild 4
Foto: Ulrich Biene
VW-Rundgaragen in zwei Versionen von Wiking
VW-Rundgaragen in zwei Versionen von Wiking
Foto: Ulrich Biene
Dieser wunderbar gebogene Unterstand von Wiking stammt aus historischen For- men und erfreute sich einer Wiederauflage
Dieser wunderbar gebogene Unterstand von Wiking stammt aus historischen For- men und erfreute sich einer Wiederauflage
Foto: Ulrich Biene
Zwei eckige Wiking-Garagen
Zwei eckige Wiking-Garagen
Foto: Ulrich Biene
Nachahmerprodukt von Nordplastik als größerer Plastikkit
Nachahmerprodukt von Nordplastik als größerer Plastikkit
Foto: Ulrich Biene
Das Runde im Eckigen: In der typischen Altstadtkulisse setzt Wikings Rundgarage gekonnt architektonische Akzente
Das Runde im Eckigen: In der typischen Altstadtkulisse setzt Wikings Rundgarage gekonnt architektonische Akzente
Foto: Ulrich Biene
Das Runde im Eckigen: In der typischen Altstadtkulisse setzt Wikings Rundgarage gekonnt architektonische Akzente
Rundgarage mit Hanoma
eckige Standardgarage mit dem 1600 T
Bild 4
VW-Rundgaragen in zwei Versionen von Wiking
Dieser wunderbar gebogene Unterstand von Wiking stammt aus historischen For- men und erfreute sich einer Wiederauflage
Zwei eckige Wiking-Garagen
Nachahmerprodukt von Nordplastik als größerer Plastikkit

Da sage noch einer, Fritz Peltzer sei wenig innovativ gewesen. Zumindest in den sechziger Jahren beweist er unternehmerischen Mut, als er in modellbauerische Bastionen vordringt, die keinesfalls Wiking- typisch sind. Der ungewöhnliche Name des Projekts: Rundgarage! Natürlich gehören die Tankstellen, anfangs auf Zapfinseln reduziert, bereits zum frühen Anfangssortiment. Wiking, so das Credo des umsichtigen Gründers, ist eben die Summe aller Modellautos, die sich Verkehrswelt nennt. Und Wiking- Freunde wissen nur allzu genau um die Aura des Bungalows, den Modellbaumeister Alfred Kedzierski mit einer filigranen Möblierung ausstattet. Folgerichtig bekommen die geliebten Wiking-Autos auch ein Dach über dem Kopf! Aber auf welchen schmalen Grat begibt sich Wiking mit der Rundgarage? Und das gleich in zwei verschiedenen Größen! Die 87-Millimeter-Variante für Pkw bis Transporter vom Schlage des Bulli, die 120-Millimeter-Version durchaus tauglich für ausgewachsene Klein-Lkw. Die legendäre Wiking-Händlerin Rosemarie aus Wuppertal-Elberfeld erinnerte sich 2007 im Gespräch mit dem Autor daran, dass die Kinder die Rundgarage wie eine Schnupftabakdose wahrnahmen – eine Taschenbox eben. Aber Nähe zur Wirklichkeit, zur Erlebniswelt der damals jungen Wiking-Freunde? Für die meisten Zeitgenossen Fehlanzeige!

Fritz Peltzer sieht das eben ganz anders. Er liest Autozeitschriften und auch Fachblätter, die in den Fünfzigern und Sechzigern immer wieder die städtebauliche Neuausrichtung thematisieren. Da ist eine Rundgarage gar nicht mal so abwegig. Und sie taucht in den Überlegungen der Städteplaner seinerzeit immer mal wieder auf. Denn hinter den aufschiebbaren Garagentoren sollte sich in Wirklichkeit eine Drehscheibe bewegen, die das gewünschte Fahrzeug auf Knopfdruck ans Tageslicht befördert. Der Fahrer muss nur noch Gas geben, um schwungvoll Kurs auf den Straßenasphalt zu nehmen. Und: Friedrich Peltzer braucht diesmal keine mutigen Nachahmer zu fürchten.

Wiking ist über drei Jahrzehnte hinweg durchaus variantenreich unterwegs. Die Wellblechversion wirkt in der Retrospektive denkbar authentisch und vorbildgetreu. Sie findet sich in vielen Berliner Hinterhöfen genau dort, wo die ersten Autos untergestellt werden sollen. Und die Wellblechgarage, deren Vorbild Alfred Kedzierski miniaturisiert, gab es bereits in den Dreißigern. Gleich nach 1948 sollte dann die Wiking-Garagenchronologie kreativ beginnen. Eine einfache Garagenversion, die zum Unterstellen gleich zweier Wiking-Autos taugt, soll schon zum Ende der Drahtachser-Ära die Wiking-Freunde jener Jahre erfreuen. Mit Schwenktor, versteht sich! Sie passt auch auf die Modelleisenbahn. Dass die muntere Rundgarage, ganz gleich ob in der kleinen oder großen Version, nun wirklich eine Stückzahlen-Rarität bleiben wird, muss die Buchhaltung am Berliner Stammsitz Unter den Eichen 101 schnell feststellen: Zu eng ist der Maßstab 1:87 mit der prosperierenden Modelleisenbahn verbunden – der Markterfolg wird vornehmlich von den Fans von Märklin, Fleischmann & Co. gemacht. Wer mag sich die Rundgarage inmitten einer Fallerschen Altstadt-Szenerie vorstellen? Die Rundgarage ist bis heute ein modellbauerisches Unikat in der 1:87-Welt der Nachkriegsjahrzehnte geblieben. Gut so!

Die modellbauerische Lebensgeschichte der kleinen Rundgarage ist bei Wiking überschaubar. 1962 geht das frisch polierte Werkzeug ein erstes Mal auf die Spritzgussmaschine. Wenige Bauteile gehören seither dazu: Bodenplatte, Oberteil und die beiden transparenten Tore. Die Farbe: Silbergrau! Unter der Artikelnummer 114r geht die sandbraune kleine Rundgarage an den Start, noch mit rundem statt eckigem WM-Logo. Die eckige Version wurde später wegen Verwechslungsgefahr auf Bestreben der Mannesmann- Werke eingeführt. Aber das Eckige auf das Runde: nicht mit Peltzer! Bis 1968 wird das modellbauerische Unikum neben der sandbraunen Farbe auch in hellbeiger, basaltgrauer und hellgelbgrauer Abspritzung angeboten. Danach verschwindet es in den Tiefen des Archivs. Erst 2010 gibt es ein Wiedersehen: Hellblau gestaltet und mit einem runden, dunkelblauen VW-Logo bedruckt, begleitet sie ein illustres Käfer-Trio mit dazugehöriger Personengruppe. Der Titel: „Der Käfer-Kundendienst in den 1960er-Jahren“.

Noch mühsamer läuft das Geschäft mit der großen Rundgarage, die ein Jahr nach ihrem kleinen Vorgänger ins Sortiment rutscht. In Platingrau, die Tore sind ebenfalls transparent und beweglich ausgeführt – auf dem Dach prangt das runde WM-Logo mit beidseitigem Streifentrio. Die XXL-Rundgarage soll dann 2012 in taubenblauer Abspritzung die Meilensteine der Wiking-Geschichte ergänzen, unter dem Titel „Flink und robust: die Flotte vom Hanomag Dienst“. Diesmal gibt das runde Hanomag-Logo auf der Dachmitte sinnfällig die Verwendung an. Dazu gehörten der Hanomag Kurier als Getränkelaster sowie der Hanomag L 28 als Pritsche und Servicekoffer. Dass das Sammeln von Garagen bei Wiking lohnt, beweist das historische Sextett in allen Facetten. Dazu zählt auch der zeitgenössisch geschwungene und dazu noch transparente Carport, und der letzte Typ soll schließlich eine Zufallsgeschichte sein. Das Unternehmen von 3S-Garagen in Göttingen lässt in den Sechzigern seine 3S-Selbstbau-Garage vom Typ „Berlin 10“ am gleichnamigen Stammsitz miniaturisieren. Der Zusammenbau ist einfach – ein simpler Steckbausatz. Erst in den siebziger Jahren ist dann Schluss. Und so bringt das Wiedersehen mit der Rundgarage Geschichte unter Dach und Fach.